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Wo liegt die Ursache meiner Schmerzen?

Über Zusammenhänge im Körper und das Tensegritätsmodell  

 

Viele Patienten suchen meinen Rat bei Schmerzen, die sie seit Längerem plagen. Seien es Rücken, Schulter, Knie, Fuss, oder Kopf, die schmerzen, oft zeigt sich im Einführungsgespräch, dass der Körper zuvor Traumata oder Eingriffe ausgesetzt war: Verstauchungen, Operationen, Unfälle. Manchmal spüre ich auch im Laufe der Behandlungen, dass gewisse Körperteile vielmehr Spannungen aufweisen als der eigentliche Ort der Schmerzen. Wie lässt sich das erklären? Wo gibt es Zusammenhänge? Ist es wirklich so, dass eine alte Verletzung am Zeh oder eine Operation am Knie Nackenverspannungen und Kopfschmerzen verursachen kann?

Der Körper ist viel zu komplex, um eine lineare, einseitige Erklärung der Schmerzen geben zu können. Die mechanische Sicht des Körpers, in der die Behebung von Schmerzen in der „Reparatur“ der Teile einer Art Maschine besteht, ist überholt. Viele Faktoren kommen im Spiel, sowohl auf der körperlichen Ebene, wie auch auf der seelischen, emotionalen, energetischen Ebene. Auch wenn wir uns auf die körperliche Ebene begrenzen, lohnt es sich, den Körper als Ganzes zu betrachten, da der Ort der Schmerzen erfahrungsmässig selten der Ort ist, wo die Lösung zu finden ist. In meiner Arbeit benutze ich gerne das Bild von Opfer und Täter. Am Ort der Schmerzen schreit das Opfer, aber meine Aufgabe ist es, den Täter (die Ursache) zu finden. Mit „Täter“ bezeichne ich keine einzige Stelle, sondern ein Muster, das nur Schritt für Schritt aufgelöst werden kann. Zum Beispiel kann eine Verletzung am grossen Zeh dazu führen, dass das andere Bein mehr belastet wird, das Becken in einen Schiefstand gerät, und eine Kettenreaktion bis zum Kopf in Gang gesetzt wurde. Jeder Körper ist individuell und höchst intelligent: Das System wird immer die für den Moment beste Haltung und Bewegungsstrategie suchen. Verschiebungen, Gewichtsverlagerungen, Rotationen, Gegenrotationen, Spiralen -  die Kompensationsmuster des Körpers als Antwort auf eine bestimmte Verletzung oder Schwäche sind unendlich. Es ist wichtig, nach der Heilung der Verletzung oder einem Eingriff aus dem Muster auszubrechen und wieder ein Gleichgewicht zu finden.

  

 

Das Tensegritätsmodell des Körpers hilft uns, Zusammenhänge im Körper neu zu begreifen. Das Wort „Tensegrität“ kommt von Englisch „Tension“ (Spannung) und „Integrity“ (Ganzheit, Zusammenhalt). Dieses Modell stammt aus der Architektur, wo feste Elemente, die sich nicht direkt berühren, durch gespannte Seile stabilisiert werden. So können dreidimensionale Fachwerke entstehen, die eine besonders hohe Stabilität und Festigkeit aufweisen.

 

Auch unser Körper ist nach dem Tensegritätsprinzip gebaut, sagt Faszien-Experte Dr. Robert Schleip. Die Faszien sind Bindegewebe, sie umhüllen alle Organe, Muskeln und Muskelfasern und geben damit unserem Körper seine Form. Sie verbinden und vernetzen alles mit allem. Dieses Spannungsnetzwerk ist äusserst stabil und belastbar, trotzdem bleibt es elastisch und dehnbar. Die Faszien haben eine Spannkraft, sie speichern kinetische Energie und geben der Bewegung Schwung. In diesem gelartigen, beweglichen „Spinnennetz“, das überall im Körper vorhanden ist, befinden sich unsere Knochen, als wären sie daran „aufgehängt“. Zieht das ganze Netz in eine Richtung, werden die Knochen dabei mitbewegt.

 

Mit der Aufmerksamkeit auf die Faszien als Spannungsnetzwerk statt auf die festen Strukturen wie Knochen und Muskeln öffnen sich neue Therapiemöglichkeiten. Löst man die myofasziale Spannung an einem Ort, wird das ganze Netz beeinflusst, und das System hat die Chance, sich zu reorganisieren. Deshalb fokussiere ich mich nie auf ein bestimmtes Symptom, sondern strebe danach, dem ganzen Körper mehr Gleichgewicht, Beweglichkeit und Leichtigkeit zu verleihen. Meistens verschwinden dann die Beschwerden als Folge der neu gefundenen Balance.